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Der niegeküßte Mund
von Jakob Wassermann (Albert Langen Verlag München 1903)

Der Protagonist der Erzählung verliebt sich in eine junge Schauspielerin, die bei einem Gastspiel in dem mittelfränkischen Städtchen Gunzenhausen auftaucht. Natürlich nimmt die Geschichte einen tragischen Verlauf und geht gegen Ende schon fast in Richtung Grusel-Roman.

Gunzenhausen - Blasturm
Sie standen vor dem Turmbogen, und der Doktor blickte verdutzt sein Haustor an, wußte nichts zu entgegnen als:
«Sie sind verliebt, junger Freund. Er hatte bei den Redereien des Provisors ein Gefühl wie jemand, den man aus dem ersten Schlaf weckt, um ihm die Anfangsgründe der Eskimosprache beizubringen. Doch tat er verständnisvoll aus Furcht vor einer möglichen Überlegenheit des andern.

Gunzenhausen - Blasturm Durchgang
Unter dem Torbogen des Turms schallte ein leichter Schritt. Es ging da ein junges schwarzgekleidetes Mädchen, dessen Kopf mit einem Schal verhüllt war. Es sah nicht aus, als ob sie Eile hätte, denn sie ging mehr für sich hin, verloren und abgekehrt, den Kopf leicht vorgeneigt, und in ihrem Schritt war sowohl Müdigkeit als auch Verträumtheit enthalten. Siebengeist folgte ihr mit den Blicken, als ob sich sein Schatten in Bewegung gesetzt hätte, denn es war schon etwas Ungewöhnliches, dass zur Schlafenszeit in offener Gasse jemand ging, der nicht Elle zeigte, schlafen zu gehen.
Gunzenhausen - Straße gegen Burgstall-Wald
Der schlanke junge Mann, dessen Gesicht etwas von einem Cäsaren und etwas von einem Schäferhund hatte, sah ihr nach; er wusste genau, was sie bei ihm zurückließ, und sie, förmlich verwundet von seinem Blick, ging die Gasse hinauf und traf Siebengeist unter dem Turmbogen. Sie atmete schwer, hörte kaum die Worte ihres Begleiters und bat, er möchte sie in den Wald führen. Sie wanderten also gegen den Burgstall hinauf (so heißt der Wald), und es war, als schritten sie durch feuchten, bleiernen, grauen Rauch, so dick und lastend lag der Nebel. Siebengeist verstummte bald.
Gunzenhausen - Postgäßchen
Neben der Post befand sich ein uraltes Gebäude, in welchem Myra mit ihrer Mutter wohnte. Die zwei Fenster waren erleuchtet und durch gelbe Rollvorhänge verdeckt.
Der Lehrer stand im Schnee auf der andern Seite der Gasse und lehnte sich an die Türe des Kürschnerladens.

Gunzenhausen - Altmühlbrücke
Sie wanderten über den Markt und über die Altmühlbrücke gegen die Dinkelsbühler Landstraße hinaus mit ihrer Laterne. Schweigend legten sie ihren sinnlosen Weg zurück, während der Schnee im Lichtschein glitzerte.
Gunzenhausen - Alter Friedhof
Sie waren zum Leichenhaus gewandert, einem Backsteinhäuschen, das verlassen in der Abenddämmerung lag. Siebengeist ging zur Totengräberwohnung und ließ aufsperren. Der Mann, unter dem Druck von Siebengeists Hand willfährig geworden, brachte eine Art Stallämpchen mit einem Blendblech und ließ die beiden allein.
Gunzenhausen - Kirchengasse
Als er in die enge Kirchengasse bog, sah er sich gegenüber auf der Schwelle eines beleuchteten, schmalen Hausflurs ein kleines Mädchen sitzen, welches das Gesicht in die Schürze gelegt hatte und weinte. Ein Knabe von vielleicht zwölf Jahren stelzte ernsthaft über die Gasse und fragte mit Würde, beide Hände tief in die Hosentaschen gesenkt: »Warum weinst du denn?« Die Kleine hob das Gesicht, und Philipp Unruh, der im dunklen Schatten stehen blieb, erkannte das Mädchen der Frau Süßmilch, »Ich kann meine Aufgabe nicht lernen, sie ist zu schwer,« schluchzte das Kind. Der Knabe räusperte sich, spreizte die Beine, legte die Hände auf den Rücken und begann: »Du bist meine schlechteste Schülerin, Süßmilch. Aus dir wird im Leben nichts werden. Du hast ja lauter Heu im Kopfe. Pfui! Philipp Unruh sah, dass ihn der Bursche nachäffte, und errötete in seinem Versteck. Das kleine Mädchen aber trocknete die Augen, stützte den Kopf in das Händchen, schaute wehmütig zum klaren Sternenhimmel auf und sagte aus tiefstem Herzensgrund: »Ach ja! Unser Herr Lehrer ist ein sehr böser Mann.«
Kopfbild © Norbert Mebert 2025

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